01Die Aschengipfel
Im Norden Drakorias berührte das Sonnenlicht die schwarzen Glasflächen der Aschengipfel nur wenige Minuten am Tag. Hier errichtete der Alte Drachenorden seine Heiligtümer, denn die wahre Farbe der Flamme sei nur auf dunklem Stein sichtbar. Schon als jüngster Wächter hörte Vaelor die Kraft unter dem Berg. Ihr gleichmäßiger Puls lehrte ihn, dass die Letzte Flamme kein gewöhnliches Feuer war, sondern ein lebendes Siegel mit der Erinnerung des Drachenvolkes. Seine Aufgabe bestand deshalb nicht nur darin, einen Schatz zu schützen: Er musste die Erinnerung bewahren, ohne die Fehler der Vergangenheit in die Zukunft zu tragen.
02Der Bund aus Stein
Als Eryndors erster König im Norden eine Waffe für seine Kriege verlangte, lehnten die Drachen ab. Stattdessen boten sie einen im Berg versiegelten Bund an. Drachen würden keine menschlichen Städte angreifen, und Menschen niemals die Wege zur Letzten Flamme betreten. Vaelor setzte die Steintafeln mit eigenen Klauen in das Tor. Während die Türme des Königreichs wuchsen, sammelte der Ehrgeiz unter dem Palast Karten der verbotenen Pfade. Nach jedem Flug entdeckte Vaelor neue Spuren und erkannte zwischen Schwefel und Eisen den Geruch des nahenden Verrats.
03Der Krieg der Hohlen Krone
Als der Erbe verschwand, wandten sich Eryndors Adelshäuser gegeneinander. Der Krieg der Hohlen Krone verschlang erst die Grenzfestungen und dann die Tore der Hauptstadt. Ein Bote brachte Vaelor den Befehl, die Mauern zu verteidigen. Vaelor hörte ihn an und verbrannte das Siegel in der Letzten Flamme. Er verstand, dass der Krieg nicht um die Krone, sondern um die Macht unter den Gipfeln geführt wurde. Sein Ruf an die übrigen Wächter blieb unbeantwortet. Die Heiligtümer waren gefallen und der Bund von innen gebrochen. In jener Nacht trug Vaelor die Flamme in die tiefste Kammer des Berges.
04Das Stille Jahrhundert
Nach Eryndors Fall sah der nördliche Himmel Vaelors Flügel nicht wieder. Regungslos blieb er auf seinem Steinthron, damit seine Feinde die Letzte Flamme für erloschen hielten. Hundert Jahre lang hörte er einstürzende Brücken, verlassene Dörfer und Menschen, die seinen Namen vergaßen. Die Zeit machte seine Obsidianschuppen matt und verdunkelte das zeremonielle Gold seiner Rüstung, doch das Warten war keine Kapitulation. Vaelor ordnete die Vergangenheit neu und suchte nach jenem einen Laut, der beweisen würde, dass der Urheber des Falls noch lebte.
05Die Rückkehr des Wächters
Beim ersten gebrochenen Siegel glaubten die Bewohner an ein Erdbeben. Der zweite Riss ließ rotes Licht aus dem Berg steigen. In der dritten Nacht öffnete Vaelor die Augen. Seine Flügel blieben teilweise geschlossen, denn auch ein alter Schatten war am Himmel erwacht. Die Letzte Flamme konnte nicht länger durch Verbergen geschützt werden. Sie musste zu Drakorias verstreuten Menschen getragen und der zerstörte Bund neu geschlossen werden. Beim Abstieg hinterließ Vaelor keine brennende Armee, sondern nur eine goldene Klauenspur auf schwarzem Stein, die in die Zukunft wies.